Subject: Deutsche Rechtschreibung auf Ihrer Netzseite.
From: yannickduck@t-online.de (Yannick Spies)
To: wagner@cs.utsa.edu
Date: 05 Jan 2005 22:48 GMT

Sehr geehrter Herr Professor!

Als ich mir Ihre Seite über die Folge von drei Buchstaben innerhalb eines Wortes angesehen habe, ist mir eine kleine Unrichtigkeit aufgefallen: Laut Ihrer Seite ließ man vor der sogenannten Rechtschreibreform bei drei aufeinanderfolgenden Buchstaben einen aus, z.B. Brennessel statt Brennnessel, Schiffahrt statt Schifffahrt usw., außer, wenn darauf ein Mitlauter folgt, z.B. nicht Sauerstofflasche, sondern Sauerstoffflasche (weil man sonst möglicherweise Sauerstoff-Lasche lesen könnte); nicht Fettropfen, sondern Fetttropfen (Fett-Ropfen [?]). Das ist soweit richtig.

Allerdings galt (und gilt) das auch vor der "Reform" nur für Mitlauter, bei drei aufeinanderfolgenden Selbstlautern dagegen wurde mit Bindestrich getrennt, z.B. Hawaii-Inseln statt Hawaiinseln oder Hawaiiinseln; See-Elefant statt Seelefant oder Seeelefant.

Die bewährte Rechtschreibung vermeidet drei aufeinanderfolgende Buchstaben wegen der schlechten Lesbarkeit: das nur selten vorkommende Schriftbild könnte den Lesefluß hemmen. Das Auslassen eines MITLAUTES verändert den Wortsinn und die Aussprache (normalerweise; siehe unten) nicht: Jeder wird Schiffahrt immer als Schiff-Fahrt erkennen, auch wenn sie nur mit zwei f geschrieben wird. Bei Silbentrennung am Wortende wird der Buchstabe natürlich wieder hinzugesetzt: Man trennt dann "Brenn-nessel"; "Schiff-fahrt".

Wenn aber Mißverständnisse möglich sind, werden die drei Buchstaben trotzdem ausgeschrieben, weil zum Beispiel "Sauerstoff-Lasche" gelesen werden könnte, schreibt man eben "Sauerstoffflasche"; weil man das "Bettuch" sowohl als "Bett-Tuch" als auch als "Bet-Tuch" (der Juden) erfassen könnte, schreibt man im zweiten Fall mit Bindestrich ("Bet-Tuch"). (Siehe "Der Große Duden", zehnte Auflage Bibliographisches Institut, Leipzig 1930; S. 14*.)

Völlig anders verhält es sich mit den Selbstlautern: Man liest "Hawaiinseln" anders als "Hawaii-Inseln", "Seelefant" oder gar "Seeelefant" anders als "See-Elefant". Um hier die Trennung des zweiten, Anfangs- vom ersten, gestreckten, Endlautes deutlichzumachen, MUSZ hier ein Bindestrich gesetzt werden, will man die Lesbarkeit nicht aufs Spiel setzen.

Die sogenannte Rechtschreibreform hat also in dieser Beziehung, wie auch in vielen andern, nur Verwirrung geschaffen, wo vorher Klarheit war. Durch Wörter wie "Flussschifffahrt" oder "Hawaiiinseln" wird der Lesefluß erheblich behindert; unsinnige Bindestriche wie bei "Fluss-Schiff-Fahrt" oder "Brenn-Nessel" sind nicht aussprachewiedergebend und wirken der Entwicklung der deutschen Schriftsprache entgegen, die sein ungefähr Mitte des 19. Jahrhunderts immer mehr dahingeht, die Wörter zusammenzuschreiben.

Eine dritte Kategorie sind die drei Ausnahmen "Mittag", "dennoch" und "Dritteil", die traditionell nur mit zwei aufeinanderfolgenden Mitlauten in der Mitte geschrieben werden, wobei der dritte auch bei Trennung entfällt: "Mit-tag", "den-noch", "Drit-teil". Aus "Dritteil", früher auch "Drittheil", wurde "Drittel". (Siehe Dr. Konrad Duden: "Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache", fünfte Auflage, Bibliographisches Institut, Leipzig und Wien 1897; S. IX.)

Meine Erklärung ist nun doch länger geworden als sie eigentlich angedacht war - und ich als 17jähriger Schüler glaube auch nicht, Ihnen, dem Universitätsprofessor, etwas Neues gesagt haben zu können, deshalb möge an dieser Stelle auch eine kleine Entschuldigung Platz finden, daß ich Ihre kostbare Zeit für etwas so Unwichtiges in Anspruch genommen habe: Verzeihen Sie mir bitte!


Hochachtungsvoll

Ihr Yannick Spies.


NS.: Wenn Sie eine Übersetzung ins Englische wünschen, wenden Sie sich einfach an mich!